Delayed-Coincidence Liquid Scintillation Spectrometry
(DCLSS)
Abstract:
Die DCLSS nutzt die Tatsache, dass in jeder der 3 natürlichen Zerfallsreihen ein sehr kurzlebiges Nuklid
(Alphastrahler) auftritt: Po-212 (0.30µs), Po-214 (164µs) und Po-215 (1.78ms).
In einem Flüssigszintillationsspektrometer werden für die Zerfälle dieser 3 kurzlebigen Poloniumisotope nach jedem
Impuls nacheinander 3 Zeitfenster geöffnet. Impulse, die in einem der 3 Zeitfenster nach einem vorhergehenden Impuls
auftreten, werden in einem separaten Impulshöhenspektrum abgespeichert, das diesem Zeitfenster zugeordnet ist.
Die Nullrate für Po-212 und Po-214 in ihren separaten Spektren ist < 1 Impuls / Tag .
Stand: 01.09.2004.
Eine Beschreibung einer frühen Entwicklungsstufe findet man in:
F. Buheitel: The determination of low levels of Radium isotopes and Radon by delayed-coincidence liquid
scintillation spectrometry. In: Liquid scintillation spectrometry 1992, edited by J.E. Noakes, F. Schönhofer
and H.A. Polach. Radiocarbon 1993, 83 ("Literatur und Links": Zitat /1/).
Unsere patentierte Delayed-Coincidence Liquid Scintillation Spectrometry (DCLSS) ist eine robuste
Ultra-Low-Level-Messmethode für einige Nuklide der natürlichen Zerfallsreihen:
Die natürlichen Zerfallsreihen
Die Nukleonenzahl A (A = Anzahl der Protonen + Anzahl der Neutronen) eines Kerns bleibt beim Betazerfall gleich
und verringert sich beim Alphazerfall um 4. Deshalb sind im Prinzip genau 4 separate Zerfallsreihen möglich.
Die Nukleonenzahlen ihrer Glieder lassen sich darstellen als
A = 4n + R mit R = 0, 1, 2, 3.
R charakterisiert eine bestimmte Zerfallsreihe und n verringert sich sich bei jedem Alphazerfall um den Wert 1.

In jeder der 3 natürlichen Zerfallsreihen tritt ein sehr kurzlebiges Glied auf:

Bei den Paaren von schnell aufeinanderfolgenden Impulsen auf dem Oszilloskop entspricht also der zweite Impuls dem
Zerfall eines kurzlebigen Polonium-Kerns und der erste Impuls dem Zerfall seines Mutterkerns.
Die Mutter Rn-219 ist ein Alphastrahler, und die Mütter Bi-212 und Bi-214 haben so hohe Beta-Endpunktenergieen,
dass fast alle ihre Zerfälle Impulse erzeugen, die deutlich über dem Rauschen liegen. Deshalb ist es nicht nötig, wie
üblich mit 2 Photomultipliern in Koinzidenzschaltung zu arbeiten, um noch möglichst niedrige Impulse vom Rauschen
unterscheiden zu können.
Das Prinzip der DCLSS mit Beispielen
Bei der
DCLSS in ihrer einfachsten Ausführung werden durch geeignete
Elektronik nach jedem Impuls, der deutlich
über dem Rauschen
liegt, nacheinander 3 Zeitfenster geöffnet. Zum
Beispiel
30 ns - 1.6 μs
für Po-212,
10 µs -
1.3 ms für Po-214 und
1.5 ms - 4.0 ms für Po-215.
In diesem Beispiel beträgt die Wahrscheinlichkeit,
dass ein frisch entstandener Po-Kern innerhalb seines
Zeitfensters
zerfällt, 91% für
Po-212 , 95% für Po-214
und 35% für Po-215.
Impulse, die in einem
der 3 Zeitfenster nach einem vorhergehenden Impuls auftreten, werden
in einem separaten
Impulshöhenspektrum abgespeichert, das
diesem Zeitfenster zugeordnet ist.
Es werden also insgesamt 4
Spektren aufgenommen: Je ein Spektrum für die
Alphazerfälle eines der 3 kurzlebigen
Po-Isotope und
das Spektrum für alle restlichen Impulse, die in keinem
Zeitfenster auftreten.
Die folgenden Abbildungen zeigen die
Spektren einer Ra-226-Probe, einer Ra-224-Probe und
einer Nullprobe.
Diese Spektren wurden mit einem früheren
Modell unserer DCLSS-Apparatur aufgenommen, das nur mit den
beiden
ersten Zeitfenstern arbeitete und noch kein Zeitfenster für
die Po-215-Zerfälle setzte.

Bei der Ra-226-Probe geben die Alphazerfälle des Po-214 in ihrem separaten Spektrum einen schönen Peak.

Bei der
Ra-224-Probe erscheint aber im separaten Spektrum für die
Po-212-Zerfälle anstelle des
erwarteten Alphapeaks
des Po-212 so etwas wie das um dessen
Kanalzahl nach oben verschobene Betaspektrum der Mutter Bi-212.
Das
hat folgende Ursache:
Für die
Zeitinformation werden direkt die schnellen unbearbeiteten
Photomultiplierimpulse verwendet.
Aber für
die Energieinformation werden die Photomultiplierimpulse wie
üblich verstärkt und umgeformt,
damit
Impulse entstehen, die von einem gebräuchlichen
Analog-Digital-Converter (ADC) verarbeitet werden
können. Die shaping-time des Verstärkers ist dabei
absichtlich so lang, dass der ADC das Gebilde aus
den einander überlagernden Impulsen des Paares Bi-212/Po-212
immer wie einen einzelnen Impuls verarbeitet
(sofern das Po-212 nicht erst weit außerhalb seines
Zeitfensters zerfällt). Dieser kleine Schönheitsfehler ist
in der
Praxis fast ohne Bedeutung.

Wie man
in der Abbildung für die Nullprobe sieht, ist
die
Nullrate für
Po-214 und Po-212 < 1 Impuls/Tag
(bei
einer Nachweiswahrscheinlichkeit von rund 90%). Für
Po-215 ist die Nullrate ähnlich niedrig.
Mit
unserer DCLSS kann man also extrem niedrige Spuren derjenigen Nuklide
messen, deren Zerfallsketten bis hin
zu den kurzlebigen
Po-Isotopen innerhalb einer akzeptablen Wartezeit ab dem
Zeitpunkt ihrer Abtrennung hinreichend
stark anwachsen. Diese
Nuklide sind:
-
Th-232 - Zerfallsreihe: Bi-212, Ra-224, Th-228, bei
langer Wartezeit auch Ra-228,
-
U-238 - Zerfallsreihe: Rn-222, Ra-226,
- U-235 -
Zerfallsreihe: Ra-223, bei langer Wartezeit auch
Th-227 und Ac-227.
Störungen
In
den Spektren für die kurzlebigen Po-Isotope werden auch Impulse
abgespeichert, die nicht dorthin gehören.
Dafür gibt es
insbesondere folgende Ursachen:
- Gegenseitige Beimischung
Der Zerfall eines Po-Kerns kann auch im Zeitfenster eines anderen Po-Isotops stattfinden und wird dann in dessen
Spektrum abgespeichert. Im Fall der oben genannten Zeitfenster zerfällt z.B.
- das Po-215 mit einer Wahrscheinlichkeit von 39% schon im Zeitfenster des Po-214 und
- das Po-214 mit einer Wahrscheinlichkeit von 0.7% schon im Zeitfenster des Po-212 und
mit einer Wahrscheinlichkeit von 0.2% erst im Zeitfenster des Po-215.
Solche gegenseitigen Beimischungen können z.B. durch folgende Maßnahmen reduziert werden:
- Messung nach dem Abklingen z.B. des Ra-223 mit seinen Töchtern)
- Messung vor dem Anwachsen (z.B. des Rn-222 mit seinen Töchtern).
- Zufällige verzögerte Koinzidenzen
Mit der Impulsrate wächst die Häufigkeit der offenen Zeitfenster. Deshalb ist die Häufigkeit, mit der andere Impulse
als die der 3 kurzlebigen Po-Isotope zufällig in offene Zeitfenster fallen, ungefähr (abgesehen von Sättigungseffekten)
proportional zum Quadrat der Impulsrate. Diese zufälligen verzögerten Koinzidenzen stören besonders im Spektrum
des Po-215, weil sein Zeitfenster relativ lang ist und weil in den meisten Proben die Aktivität der Glieder der
U-235-Zerfallsreihe relativ niedrig ist. (natürliches Aktivitätsverhältnis U-235/U238 = 0.046).
Geeignete Gegenmaßnahmen sind:
- Messung vor dem Anwachsen des Rn-222 mit seinen Töchtern
- Verdünnen der Probe.
Anwendungsbeispiel für die DCLSS:
alle 4 natürlichen Ra-Isotope in einer einzigen Messprobe
In allen 3 natürlichen Zerfallsreihen ist das nächste Glied vor dem kurzlebigen Po-Isotop, das nicht gasförmig ist und eine
Halbwertszeit von mindestens ein paar Tagen hat, ein Radiumisotop.
Deshalb ist Radium für die DCLSS besonders gut geeignet.
Präparation
- Zugabe von Träger und Ausbeutetracer (Ba mit Ba-133, siehe unten) Träger, Tracer und Ausbeutebestimmung
Im Vergleich mit anderen Alphaspektrometrie-Methoden hat die Flüssigszintillation (neben der 4pi-Geometrie) den Mehrere DCLSS-Messungen einer Messprobe
Die einzelnen Ra-isotope zerfallen unterschiedlich schnell, und ihre Zerfallsketten wachsen unterschiedlich schnell an.
- Aufschluss
- Abtrennung und Reinigung der Erdalkalisulfate
- nasser Sodaaufschluss
- Auflösen der Carbonate mit HCl und Eindampfen
- Einfüllen als 1ml wässrige Ra/Ba-chloridlösung zusammen mit ca. 2ml Flüssigszintillator in eine
Küvette aus synthetischem Quarzglas.
Vorteil, dass viel Trägersubstanz die Energieauflösung kaum beeinträchtigt.
Für Radium gibt es einen gut geeigneten Träger und Tracer, nämlich Ba mit Ba-133. Wir verwenden ca. 0.5 mMol
radiumfreies Barium mit wenigen Bq Ba-133 (EC, Halbwertszeit = 10.6a, schöne Gammastrahlung).
Die Erdalkalimetalle Radium und Barium sind chemisch einander sehr ähnlich: Bei unserer Präparationsmethode ändert
sich das Ra/Ba-Verhälnis vom Anfang bis in die Messprobe nur um 3 Prozent. Eine Gammamessung des Ba-133
in der fertigen Messprobe, korrigiert mit dieser kleinen systematischen Änderung des Ra/Ba-Verhältnisses,
ergibt die chemische Ausbeute der Präparation.
Wir bestimmen also die Ausbeute für jede Probe und für die gesamte Präparation.
Bei den meisten anderen Messverfahren für Radium, die in der Literatur beschrieben sind, wird die Ausbeute
- entweder nur beispielhaft für das Verfahren
- oder mit einem Tracer nur für einen Teil der Präparation
bestimmt.
Die Gammamessung liefert neben der Ausbeute auch Werte für die Aktivitäten der Ra-isotope. Bei starken Proben
kann sie insbesondere für Ra-228 und Ra-226 die DCLSS-Messung ergänzen oder ersetzen.
Deshalb ist auch der optimale Abstand zwischen Präparation und Messung nicht für alle Ra-isotope gleich. Wir messen
deshalb mehrmals nach unterschiedlichen Wartezeiten:
- 1. DCLSS-Messung möglichst bald nach der Präparation für
- Ra-223
- 2. DCLSS-Messung 3 oder ein paar mehr Tage nach der Präparation für
- Ra-224: die Zerfallskette über das Pb-212 ist angewachsen
- Ra-223
- Ra-226: die Zerfallskette über das Rn-222 ist einigermaßen angewachsen;
die Beimischung von Po-215-Zerfällen im Po-214-Spektrum muss berücksichtigt werden
(kein Problem, schon sehr genaues Ergebnis für Ra-226 bei natürlichem Isotopenverhältnis)
- 3. DCLSS-Messung 40 (für Ra-228 besser mehr) Tage nach der Präparation für
- Ra-228: das ursprünglich vorhandene Ra-224 ist zerfallen;
die Zerfallskette über das Th-228 ist einigermaßen angewachsen
(1% der Sättigungsaktivität je 10 Tage Wartezeit, deshalb möglichst lang warten)
- Ra-226: die Zerfallskette über das Rn-222 ist jetzt ganz angewachsen;
die Beimischung von Po-215-Zerfällen im Po-214-Spektrum ist jetzt viel kleiner.